Verfasst von: nadjafidi | März 10, 2009

“Kulturpessimismus”

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Sicherlich hat Kulturpessimismus unter westlichen Intellektuellen eine gewisse Tradition und erfreut sich besonders dann zunehmender Beliebtheit, wenn wieder einmal eine Orthographiereform ansteht oder PISA-Ergebnisse diskutiert werden. „Was wir brauchen ist … Latein als erste Fremdsprache? Die Verbannung des Computers aus dem Klassenzimmer? Die Wiedereinführung von Zucht und Ordnung … ?“

Diese Debatten werden sehr polemisch geführt und sind meine Sache nicht. Was die Nutzung neuer Medien im Unterricht anbelangt, scheinen sich ebenso zwei Seiten unversöhnlich gegenüber zu stehen: Traditionalisten „alter“ Schule einerseits und Mainstreamler, die immer mit der Zeit gehen, andererseits.

Meine eigene Position verorte ich irgendwo in der Mitte zwischen beiden Extremen: Als Werkzeug, in Massen eingesetzt, können die neuen Medien ein Zuwachs an Effizienz im Bildungsbetrieb bringen. Allerdings sehe ich die Informationstechnologie nocht nicht als Kulturtechnik gleichberechtigt neben dem Rechnen, Lesen und Schreiben stehen.

Tradition hat mit Überlieferung zu tun: Kulturgut in Form von Geschichten, Liedern und Gedichten, die, entweder mündlich oder schriftlich von Generation zu Generation weitergegeben, das kulturelle Gedächtnis einer Nation darstellen. Ich kann daran nichts Schlechtes finden.

Minderheitensprachen wie Sorbisch, Friesisch oder Ladinisch werden nicht durch eine fächendeckende Installation von PCs in allen Klassenzimmern vor dem Aussterben bewahrt, sondern eher durch eine intensive Beschäftigung mit der Muttersprache. Natürlich können auch am PC anspruchsvolle Texte gelesen oder verfasst werden. In dem gleichem Masse wie es möglich ist, aus dem Angebot an Kabelprogrammen Anspruchsvolles auszuwählen, wie etwa Arte o.ä.

Nur, welcher Teenager macht das schon? Letztlich beobachte ich, dass das Arbeitsinstrument PC – in der Schule oder privat – als Mittel zur Zerstreuung gebraucht wird und somit dem Lernenden eher einen Bärendienst leistet.

Gegen ein wenig Zerstreuung, auch in der Schule, ist sicher nichts einzuwenden. Sie sollte allerdings vom Hauptziel des schulischen Lernens nicht ablenken: Der Vermittlung und Aneignung fundamentaler Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben, deren Beherrschung einen sinnvollen und verantwortungsvollen Umgang mit den neuen Medien überhaupt erst möglich macht. Ist diese Ziel erst einmal bis zu einem bestimmten Grad erreicht, mag eine Informatik-AG oder ein Schulfach IKT das bestehende Bildungsangebot ergänzen. Umgekehrt wird kein Schuh draus.


Antworten

  1. >traditionalisten „alter“ Schule einerseits und Mainstreamler, die immer mit >der Zeit gehen, andererseits.

    Das ist eine binäre Logik und ein stark dualistisches Denken. Im Zusammenhang mit den Neuen Medien kommt man immer mehr von diesem Denken weg, weil es nicht mehr viabel ist. Es geht weder um Meinstreamler noch um Traditionalisten. Es geht also um das “weder noch” bzw. das “sowohl als auch”-Denken.

    >Als Werkzeug, in Massen eingesetzt…
    In diesem Sinne ist (siehe oben) auch die Reduktion von Neuen Medien als “reines Werkzeug” obsolet geworden. Vielmehr geht es um das Nebeneinander von traditionellen und Medienwelten, also von erweiterten Denk- und Lernräumen durch Neue Medien. Es lohnt sich dazu evt. wieder einmal die Medienphilosophen Flusser, Luhan, Sandbothe und Hartmann zu lesen.

    >Zuwachs an Effizienz im Bildungsbetrieb bringen.
    Muss Bildung effizient sein? Was ist darunter genau zu verstehen? Für mich bieten Neue Medien viel mehr also bloss Lernen “effizient” zu machen.

    >Minderheitensprachen wie Sorbisch, Friesisch oder Ladinisch werden >nicht durch eine fächendeckende Installation von PCs in allen >Klassenzimmern vor dem Aussterben bewahrt, sondern eher durch >eine intensive Beschäftigung mit der Muttersprache.

    Richtig, und gerade hier hat der vernetzte Computer in der heutigen Welt eine wichtige Funktion, wenn es um die Erhaltung, Verbreitung und Neukonstruktion von alten und neuen Kulturtechniken geht.

    >Ich kann daran nichts Schlechtes finden.
    Ich kann daran auch nichts Schlechtes finden. Heute passiert diese Weitergabe von Traditionen aber auch die Rekonstruktionen von Neuem und Alten über verschiedene Kanäle. Interessant ist ja, dass seit Plato die neuen Kulturtechniken immer zuerst verteufelt wurden, bevor sie dann von den nächsten Generationen als selbstverständliches Kulturgut akzeptiert wurden. So ging es mit der Schrift, mit dem Buch, mit dem Kino, mit den Comics und heute geht es weiter mit dem Computer, mit dem Internet usw.

    >Nur, welcher Teenager macht das schon? Letztlich beobachte ich, dass >das Arbeitsinstrument PC – in der Schule oder privat – als Mittel zur >Zerstreuung gebraucht wird und somit dem Lernenden eher einen >Bärendienst leistet.

    Jede Beobachtung wird von einem Beobachter gemacht. Wäre spannend zu erfahren, wie du auf diese Beobachtung kommst. Ich beobachte u.a. ganz andere Dinge bei den Teenager. Zudem gibt es auch empirische Untersuchungen, die nochmals ganz andere Kompetenzen im Umgang mit Neuen Medien bei den Jugendlichen feststellen.

    >Gegen ein wenig Zerstreuung, auch in der Schule, ist sicher nichts >einzuwenden.

    Ich plädiere nicht für Zerstreuung und schon gar nicht in der Schule. Und noch weniger plädiere ich, dass die Neuen Medien zu diesem einen Zweck “missbraucht” werden sollen. Wer kommt auf eine solche Idee?

    Die Welt ändert sich und mit ihr die Kulturtechniken. Viele Medienphilosophen prophezeien sogar das Ende der linearen Schriftsprache.

    Geht es in Zukunft immer noch um den Einsatz von Neuen Medien in der Bildung oder geht es um Bildung im Neuen Medium? Was kommt zuerst? Huhn oder Ei? Wahrscheinlich wird diese Frage je länger desto mehr uninteressanter. In Zukunft wird man diese Neuen Medien wahrscheinlich eh nicht mehr Neue Medien nennen, weil sie alle Lebensbereiche durchdrungen haben. Es wird einfach eine immense Vielfalt von Lern- und Medienräumen geben, wo wir hoffentlich lustvoll und selbstbewusst gelernt haben uns darin zu bewegen und in ihnen zu lernen, auch ausserhalb der Schule, wenn es denn diese überhaupt in der heutigen Form noch gibt.


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